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Also noch mal in Mastodon, diesmal im Zusammenhang. Benjamin unterscheidet in dem Text „Der Erzähler“ zwischen dem Erzähler, dessen Rohstoff die heute immer seltener werdende Erfahrung sei. „Es ist nämlich schon die halbe Kunst des Erzählens, eine Geschichte, indem man sie wiedergibt, von Erklärungen freizuhalten.“ Dagegen setzt er den Romancier, der die Inkommensurabilität des menschlichen Lebens, „die tiefe Ratlosigkeit des Lebenden“ zum Thema mache. Schließlich gibt es noch die Presse, deren Stoff die Information ist. „Die Information hat ihren Lohn mit dem Augenblick dahin, in dem sie neu war. Sie lebt nur in diesem Augenblick, sie muss sich gänzlich an ihn ausliefern und ohne Zeit zu verlieren sich ihm erklären. Anders die Erzählung; sie verausgabt sich nicht.“ Die Information hat auch „den Anspruch auf prompte Nachprüfbarkeit. (...) Wenn die Kunst des Erzählen selten geworden ist, so hat Information einen entscheidenden Anteil an diesem Sachverhalt. (...) Und doch sind wir an merkwürdigen Geschichten arm. Das kommt, weil uns keine Begebenheit mehr erreicht, die nicht mit Erklärungen schon durchsetzt wäre.“
Also viel von uns sind vielleicht Publizisten im Sinne der Presse, aber damit noch lange keine Erzähler oder Romanciers ...

@pseudoepigraph "Also viel von uns sind vielleicht Publizisten im Sinne der Presse, aber damit noch lange keine Erzähler oder Romanciers"

Darauf kommt es nicht an. Es kommt auf auf diesen Unterschied an: "Und doch sind wir an merkwürdigen Geschichten arm. Das kommt, weil uns keine Begebenheit mehr erreicht, die nicht mit Erklärungen schon durchsetzt wäre."
Benjamin hatte den "Tod des Autors" verstanden, weil die Autoren überall sind. Sie sind Masse.

@pseudoepigraph Und wir können diese Einsicht übernehmen und sagen: sie trifft auf dich, auf mich, auf Hinz und Kunz und bald schon auf Geräte aller Art zu: Es wird publiziert. Es fehlt allerdings an Erklärungen, es fehlt an der unerklärlichen Erklärung für das, was im Pfeifen des Waldes passiert. Aber auf der Ebene des Mitgeteilten gibt es keinen Mangel an Kontinuität. Heißt: Das Kontinuum der Mitteilungen ist von Brüchen durchsetzt. So kommt es zustande.

@pseudoepigraph " ... weil uns keine Begebenheit mehr erreicht, die nicht mit Erklärungen schon durchsetzt wäre .. " heißt: die Verhältnisse sind korrupt. Sie sind in ihrer Evidenz auf sich selbst angewiesen. Ja. Aber nur unter bestimmten, nicht unter allen Umständen.

@testa_alfred Benjamin denkt - glaube ich - an unerhörte Begebenheiten als Anlässe für Erzählungen oder Novellen, unerhört - ein schönes Adjektiv, also an etwas, was nur in Erzählung erfahren und aufgehoben werden kann - Kleist ist da einer der große Meister, John Berger auch, man muss nur „A fortunate man“ mit dem späteren höchst erstaunlichen - unerhörten - Nachwort lesen. Wenn die Welt aber nur noch im Modus von Erklärungen verstanden wird, dann gäbe es keine Erfahrung mehr, die immer etwas irreduzibel Unerhörtes enthält.

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